Schriftliche Anfrage
des Abgeordneten Henner Schmidt (FDP)

vom 04. April 2018 (Eingang beim Abgeordnetenhaus am 05. April 2018)

page1image232542800page1image232543600zum Thema:
Inwieweit entsprechen die Messstationen für Stickoxide den EU-Vorgaben?

An t w or t
auf die Schriftliche Anfrage Nr. 18/13941

Im Namen des Senats von Berlin beantworte ich Ihre Schriftliche Anfrage wie folgt:

Vorbemerkung:
Die Schriftliche Anfrage zielt auf Details der Messstellenplatzierung und des Messnetzbetriebes. Zur besseren Verständlichkeit werden vorab die folgenden Erläuterungen gegeben.

Die Kriterien für die Platzierung von Messstellen zur Überwachung der Luftqualität sind in den Anlagen 3, 8 und 16 der 39. Verordnung zum Bundes- Immissionsschutzgesetz (39. BImSchV) festgelegt, mit der die diesbezüglichen Inhalte der europäischen Luftqualitätsrichtlinie 2008/50/EG, einschließlich einer 2015 vorgenommenen Anpassung, in deutsches Recht übernommen wurde.

Für Messungen zum Schutz der menschlichen Gesundheit sind die Probenahmestellen so zu platzieren, dass Daten gewonnen werden über

  • Bereiche von Gebieten und Ballungsräumen, in denen die höchsten Konzentrationen auftreten, in denen die Bevölkerung wahrscheinlich direkt oder indirekt über einen im Vergleich zur Mittelungszeit der betreffenden Grenzwerte relevanten Zeitraum ausgesetzt ist sowie
  • Bereiche von Gebieten und Ballungsräumen, die für die Exposition der Bevölkerung im Allgemeinen repräsentativ sind.
  • Der Ort einer Probenahmestelle darf dabei nicht nur die Situation in der unmittel- baren Umgebung wiederspiegeln. Für Verkehrsmessstellen wird z. B. eine Repräsentativität der Messungen für die Luftqualität eines Straßenabschnitts von mind. 100 m Länge und für Messstellen für den städtischen Hintergrund für eine Fläche von mehreren Quadratkilometern gefordert.

Probenahmestellen sollen außerdem möglichst auch für ähnliche Standorte repräsentativ sein, die nicht in ihrer unmittelbaren Nähe gelegen sind. Es geht also darum, Belastungstypen zu identifizieren und repräsentative Vertreter für diese Typen messtechnisch zu charakterisieren.

Zusätzlich sind bei der Einrichtung ortsfester Messstellen kleinräumige Standortkriterien zu erfüllen, um eine Verfälschung der Messungen systematisch zu vermeiden:

  • der Luftstrom um den Messeinlass darf nicht beeinträchtigt werden. Dies wird z.B. bei Probenahmestellen an der Baufluchtlinie gewährleistet, indem eine freie Anströmbarkeit in einem Bereich von mindestens 180° gesichert wird.
  • Im Umfeld des Messeinlasses dürfen keine Hindernisse vorhanden sein, die den Luftstrom beeinflussen. Dies wird erreicht, indem
    o der Messeinlass einige Meter von Gebäuden, Balkonen, Bäumen und anderen 

    Hindernissen entfernt platziert wird und Probenahmestellen, die für die Luftqualität an der Baufluchtlinie repräsentativ sind, mindestens 0,5 Meter vom nächsten Gebäude entfernt sind.

     

  • Der Messeinlass muss sich grundsätzlich in einer Höhe zwischen 1,5 und 4 müber dem Boden befinden.
  • Die Abluftleitung ist so zu legen, dass ein Wiedereintritt der Abluft in denMesseinlass vermieden wird.

    Verkehrsbezogene Probenahmestellen dürfen darüber hinaus für alle Schadstoffe höchstens 10 m vom Fahrbahnrand und mindestens 25 m vom Fahrbahnrand verkehrsreicher Kreuzungen entfernt sein.

    An Messstellen zur Überwachung der Luftqualität gemäß der 39. BImSchV werden weiterhin hohe Anforderungen an die Datenqualität und -verfügbarkeit gestellt. Für die anorganischen gasförmigen Verbindungen, zu denen die Stickstoffoxide gehören, sind Referenzverfahren für die Messung vorgegeben. Diese sind so gewählt, dass sie auch die Überwachung der Einhaltung von Kurzzeitgrenzwerten sicher ermöglichen. In der Regel kommen automatische Analysatoren zum Einsatz, die die Daten in hervorragender Qualität, in nahezu vollständiger zeitlicher Verfügbarkeit und ohne zeitlichen Verzug liefern.

    Der Einsatz anderer Messverfahren ist erlaubt; deren Gleichwertigkeit zu den Referenzverfahren muss aber vorab nachgewiesen werden.

    Um die Genauigkeit der Messungen und die Einhaltung der in der 39. BImSchV festgelegten Datenqualitätsziele sicherzustellen, müssen die zuständigen Behörden kontinuierlich zeigen, dass die von ihnen ermittelten Werte auf die nationalen Standards rückgeführt werden können. Die Einrichtungen, welche die Netze und Einzelstationen zur Messung der Luftqualität betreiben, müssen über ein Qualitätssicherungs- und -kontrollsystem verfügen, das eine regelmäßige Wartung der Messgeräte vorsieht, um kontinuierlich deren Präzision zu gewährleisten.

Frage 1:
Wie viele Messstationen für Stickoxide gibt es in Berlin und wo befinden sich deren Standorte?

Antwort zu 1:

Das Berliner Luftgütemessnetz betreibt derzeit 45 stationäre Messstellen, an denen Daten für Stickoxide erhoben werden.

16 dieser Messstellen (BLUME-Messnetz) sind Messcontainer zur Überwachung der Luftqualität gemäß der 39.BImSchV (vgl. Vorbemerkung), von denen sechs verkehrsnah und jeweils fünf in innerstädtischen Wohngebieten und am Stadtrand platziert sind.

page4image232758336

BLUME-Standorte :

Verkehr Hardenbergplatz Schildhornstr. 76 Mariendorfer Damm 148 Silbersteinstr. 1 Frankfurter Allee 86b Karl-Marx-Straße 76

Städtischer Hintergrund Limburger/Amrumer Str. Belziger Str. 52
Nansenstr. 10
Brückenstr. 6
Rheingoldstr./ Königswinterstr.

Stadtrand
Schichauweg 58
Jagen 91 /Grunewald Hobrechtsfelder Chaussee 110-113 Müggelseedamm 308 (Wasserw.) Jägersteig 1

10623 Berlin 12163 Berlin 12107 Berlin 12051 Berlin 10247 Berlin 12043 Berlin

13353 Berlin 10823 Berlin 12047 Berlin 10179 Berlin 10318 Berlin

12307 Berlin 13465 Berlin 13125 Berlin 12587 Berlin 13465 Berlin

page4image272768240page4image272768512page4image272768848

An weiteren 29 Stellen (Stand 2017) werden spezielle Stickoxid-Passivsammler exponiert. Damit werden die zeitlich hoch aufgelösten Messungen des Container- messnetzes um Zweiwochenwerte für Standorte ergänzt, an denen ansonsten aus Platzgründen keine Messungen durchgeführt werden könnten. Die Aufnahme für die Passivsammler ist dabei so an Straßenlaternen befestigt, dass die freie Anströmbarkeit gesichert ist.

Die Messpunkte 517 bis 527 und 535 befinden sich an Containern des BLUME- Messnetzes, um kontinuierlich den direkten Vergleich mit dem Referenzverfahren durchzuführen und damit auch die Qualität der Passivsammler-Daten zu sichern.

page4image272820384

Nr.

Standorte Rubis und Passivsammler

Nr.

Standorte Rubis und Passivsammler

501

Weißensee, Berliner Allee 118

535

Buch, Hobrechtsfelder Chaussee 110

504

Tiergarten, Beusselstr. 66

537

Moabit, Alt-Moabit 63

505

Tiergarten, Potsdamer Str. 102

539

Steglitz, Schloßstr. 29

507

Treptow, Michael-Brückner-Str.

542

Tempelhof, Tempelhofer Damm 148

 

Nr.

Standorte Rubis und Passivsammler

Nr.

Standorte Rubis und Passivsammler

5

514

Lichtenberg, Alt-Friedrichsfelde 7a

545

Neukölln, Sonnenallee 68

517

Neukölln, Nansenstr. 10

547

Friedrichshain, Landsberger Allee 6-8

519

Friedrichshain, Frankfurter Allee 86b

555

Neukölln, Hermannplatz Lat. 21

521

Steglitz, Schildhornstr. 76

559

page5image233408624page5image233409232

Britz, Buschkrugallee 8

522

Neukölln, Silbersteinstr. 1

562

Mitte, Friedrichstr. 17

523

Neukölln, Karl-Marx-Str. 76

573

Wedding, Badstr. 67

525

Mitte, Leipziger Str. 32

576

Spandau, Klosterstr. 12

528

Charlottenburg, Kantstr. 117

579

Reinickendorf, Eichborndamm 23-25

530

Schöneberg, Hauptstr. 54

581

Stralau, Markgrafendamm 6

531

Charlottenbg., Spandauer Damm 103

582

Mitte, Invalidenstr. 30

533

Neukölln, Hermannstr. 120

page5image231612384page5image231611712page5image231600656

 

Frage 2:
Inwieweit erfüllen die einzelnen Berliner Messstandorte für Stickoxide die Kriterien der EU-Richtlinie (2008/50/EG) (bitte nachfolgend tabellarisch für die Standorte nach den aufgeführten Kriterien der Richtlinie gemäß Anhang III, Abschnitt C auflisten, ob zutreffend und (soweit möglich) mit genauen Angaben präzisieren)?

Antwort zu 2:

Alle Container des BLUME-Messnetzes erfüllen vollumfänglich die in der Vorbemerkung erläuterten kleinräumigen Standortkriterien

  • –  keine Beeinträchtigung der Anströmung des Messeinlasses,
  • –  keine Hindernisse im Umfeld des Messeinlasses,
  • –  Höhe des Messeinlasses zwischen 1,5 und 4 m über dem Boden,
  • –  kein Wiedereintritt von Abluft in den Messeinlass.Die Abstände der Verkehrsmessstellen des BLUME-Messnetzes zum Fahrbahnrand sowie zum Fahrbahnrand der nächsten verkehrsreichen Kreuzung sind nachfolgend zusammengestellt.

Abstand Messeinlass zum Fahrbahnrand der nächsten verkehrsreichen Kreuzung (Vorgabe: min. 25 m)

Abstand Messeinlass vom Fahrbahnrand

(Vorgabe: max. 10 m)

Hardenbergplatz

40 m

4,2 m

Schildhornstraße

> 50 m

3,7 m

Mariendorfer Damm

> 100 m

5,9 m

Silbersteinstraße

21 m

2,5 m

Frankfurter Allee

> 100 m

3,9 m

Karl-Marx-Straße

27 m

2,5 m

Lediglich für den Messcontainer in der Silbersteinstraße liegt der Abstand zur nächsten Kreuzung geringfügig unter dem zulässigen Mindestabstand. Im vorliegenden Fall wird diese moderate Abweichung derzeit noch als akzeptabel eingeschätzt, da die Positionierung eines Messcontainers in einer derart engen Straßenschlucht mit nur 3,5 m Bürgersteigbreite äußerst selten gelingt und die Messstelle daher einen hohen Informationsgehalt besitzt. Zusätzlich wird eine Verlegung der Messstation derzeit auch auf Grund der Vorgabe der 39. BImSchV (Anlage 5 Fußnote 1 zu Tabelle Diffuse Quellen) noch nicht in Betracht gezogen. Danach sind Messstationen beizubehalten, an denen der Immissionsgrenzwert für Partikel PM10 („Feinstaub“) während der letzten drei Jahre mindestens einmal überschritten wurde, sofern nicht auf Grund besonderer Umstände – insbesondere aus Gründen der Raumentwicklung – eine Verlagerung der Stationen erforderlich ist.

Die Passivsammler sind in einer Höhe von 3 – 3,5 m an Straßenlaternen angebracht, wobei die freie Anströmbarkeit durch die Art der Halterung gewährleistet wird. Der vorgegebene Mindestabstand zum Fahrbahnrand der nächsten verkehrsreichen Kreuzung wird – außer für den Passivsammler in der Silbersteinstraße (siehe oben) – an allen Messstellen eingehalten.

Frage 3:
Welches Messverfahren wird bei der Ermittlung der Stickoxid-Werte an den jeweiligen Standorten angewendet?

Antwort zu 3:

Für die automatischen Messungen an den BLUME-Containern wird entsprechend der Vorgaben der 39. BImSchV (Anlage 6 Abschnitt A) für die Messungen von Stickstoffdioxid und Stickstoffoxiden die als Referenzmethode festgelegte Methode verwendet, die in DIN EN 14211:2012, Ausgabe November 2012, „Außenluft – Messverfahren zur Bestimmung der Konzentration von Stickstoffdioxid undStickstoffmonoxid mit Chemilumineszenz“ beschrieben ist.

Die Passivsammler-Messungen erfolgen in einem photometrischen Laborverfahren nach einer modifizierten Saltzman-Methode. Der Passivsammler für Stickstoffdioxid beruht auf dem Prinzip der passiven Diffusion von Stickstoffdioxid-Molekülen an ein absorbierendes Medium. Nach einer Expositionszeit von zwei Wochen wird die Gesamtmenge an Stickstoffdioxid extrahiert und photometrisch bei einer Wellenlänge von 535 Nanometern bestimmt.

Frage 4:
Wie oft werden die Standorte überprüft bzw. neu festgelegt?

Antwort zu 4:

Die Beurteilung der Luftgüte erfordert die Kenntnis der Entwicklung der Belastung über möglichst lange Zeiträume. Luftgütemessnetze sind dem entsprechend auf Dauerbeobachtungen ausgerichtet, so dass sich eine häufige Verlegung zumindest eines großen Teils der Messstationen verbietet.

Die Kontrolle der Standorte ist fester Teil der Routinetätigkeiten eines jeden Messnetzbetriebes. Dies gilt auch für das Berliner Luftgütemessnetz. Änderungen gesetzlicher Grundlagen wird aber selbstverständlich Rechnung getragen und im Bedarfsfall werden die notwendigen Maßnahmen im Regelfall umgesetzt, in jedem Fall aber sinnvoll abgewogen.

Berlin, den 11.04.2018

In Vertretung
Stefan Tidow
Senatsverwaltung für
Umwelt, Verkehr und Klimaschutz

 

Wollen Sie mitstreiten?


Diskutieren Sie mit auf meinen Facebook- und Twitter-Accounts.